13.07.2015

Festakt des Medizinjubiläums 2015 – Universität Leipzig

Frau Ministerin,
Frau Rektorin,
Herr Kollege Stumvoll,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte in den nächsten Minuten hier in Leipzig eine Festrede halten, die sich mit der Universitätsmedizin in Deutschland beschäftigt. Anlass der Einladung ist der Festakt zum 600-jährigen Bestehen der Universitätsmedizin in Leipzig am 10. Juli 2015. Was wird erwartet anlässlich einer Festrede? Was ist überhaupt eine Festrede?
Die Quelle aller heutigen Weisheit – Wikipedia bleibt dazu unbestimmt. Es gibt den Begriff nicht. Also greifen wir zum Duden, der dem Anlass entsprechend. Schließlich hat 1872 Konrad Duden eine Abhandlung, die Deutsche Rechtschreibung in einem Leipziger Verlag heraus gegeben.
Der Duden sagt zur Festrede: „Substantiv und bedeutet, anlässlich eines Festes gehaltene Rede.“ Damit sind wir auch nicht wesentlich weiter. Was würde man denn machen?
Das Fest zu dem die Rede stattfindet, ist der 600. Jahrestag und damit Geburtstag der Medizinischen Fakultät der Universität in Leipzig. Dazu gebietet der Anstand eine herzliche Gratulation, die ich hiermit im Namen des Medizinischen Fakultätentages und der Deutschen Universitätsmedizin überbringen möchte.
Außerdem blickt man beim Geburtstag nach vorn und zurück. Letzteres auf die abgelaufene Lebenszeit von immerhin 600 Jahren. Dies ist aber ausdrücklich untersagt. Im Einladungsschreiben stand: „Die geschichtlichen Ausführungen übernehmen die Rektorin und Prof. Mössner. Um Doppelungen zu vermeiden, bitten wir die anderen Redner ausdrücklich von historischen Abhandlungen oder Rückschauen abzusehen.“
Damit entfällt für mich dieser Teil weitestgehend. Ich möchte allerdings, zumindest ganz kurz auf die völlig unterschiedliche Palette rund um das, was universitäre Medizin leisten kann, hinweisen, die sich während der 600 Jahre Lebenszeit dieser Fakultät ereignet haben.
1415 bedeutete eine Infektion häufig den sicheren Tod. In der Pestepidemie des 14. Jahrhunderts, also kurz vor Gründung Ihrer Fakultät, gab es 30 Millionen Tote in Europa. Damit ist an einer Infektionserkrankung jeder zweite Europäer zum Opfer gefallen und noch 1637, als die Pest hier nach Leipzig kam, wurde 4.200 Tote gezählt. Heute, im Jahr 2015 denken wir darüber nach, ob wir 90-jährigen mittels einer Kathetertechnologie noch neue Herzklappen einpflanzen sollen und sind in der Lage, wenige 100 Gramm schwere Frühgeborene langfristig erfolgreich am Leben zu erhalten.
Es ist in diesen 600 Jahren der Lebenszeit der Medizin in Leipzig ein inhaltlicher Raum in der Medizin überschritten worden, der das individuelle Fassungsvermögen deutlich übersteigt.

Jetzt hab ich also gerade gratuliert, die verbotene Historie nur mit einem Wort gestreift. Gerade bei Geburtstagen mit hohen Jahreszahlen und 600 ist ja ziemlich viel, hebt man in aller Regel eher zurückhaltend auf das ab, was noch kommen mag an Jahren.
Da nach dem deutschen Soziologen, Niklas Luhmann, Sozialsysteme, zu denen ich auch die Universitätsmedizin Leipzig rechnen würde, im Gegensatz zu biologischen Systemen, keinen Todesbegriff kennen, steht zumindest der Medizinischen Fakultät Leipzig ein nicht begrenztes, weiteres Leben bevor.
Insoweit lohnt es sich und das möchte ich in dieser kurzen Rede tun, sich über die Gegenwart der universitären Medizin in Deutschland und damit auch in Leipzig zu unterhalten und darüber zu sprechen, welche Herausforderungen uns mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren und Jahrzehnten begegnen werden.

Wodurch ist unsere Gegenwart an den Universitätsmedizinen geprägt?
Seit 600 Jahren wird hier in Leipzig außerordentlich erfolgreich die untrennbare Kombination von Forschung, Lehre und Krankenversorgung betrieben. Es ist festzuhalten, dass wir in allen drei Bereichen in den letzten Jahren ganz massive Veränderungen erlebt haben. Diese Veränderungen sind, wie ich versuchen werde, deutlich zu machen, von ganz unterschiedlichen Punkten ausgegangen und laufen eher zufällig in der universitären Medizin zusammen. Hier ist allerdings in den letzten Jahren so etwas wie ein perfekter Sturm entstanden.
Lassen Sie mich mit dem Feld beginnen, dass sich in den letzten Jahren am stärksten gewandelt hat und das ist aus meiner Sicht die Art und Weise, wie in der Universitätsmedizin Krankenversorgung betrieben wird bzw. betrieben werden muss. Im Jahre 2000 sagte der Artikel 4 der Gesundheitsreform in § 17
„Für die Vergütung der allgemeinen Krankenhausleistungen ist für alle Krankenhäuser… ein durchgängiges, leistungsorientiertes und pauschalierendes Vergütungssystem einzuführen, das Fallpauschal oder Diagnosis Related Group (DRG) –System .…“
Dies war nicht völlig ungewöhnlich, weil andere Länder so etwas schon hatten. Ungewöhnlich war allerdings, ein gesamtes Krankenversorgungssystem unter diese Bedingungen zu stellen und noch ungewöhnlicher war, die universitäre Medizin, ohne jede Abweichung oder Rücksicht auf ihre Besonderheiten in dieses System zu integrieren. Die Einführung des DRG-Systems, die übrigens bis heute noch nicht zu einer bundesweit einheitlichen Vergütung geführt hat, hat an den Universitätsmedizinen zunächst einen organisatorischen Schub ausgelöst. Wenn man ehrlich ist, wussten wir in früheren Zeiten nicht immer 100%-ig, wo alle Ressourcen einer Universitätsmedizin alloziert waren. Das kann man heute bis auf den letzten Euro verfolgen. Parallel ist es zu einer massiven Leistungsausweitung gekommen.
Da eine universitäre Medizin vollkommen andere Kosten und Inhaltsstrukturen mit sich bringt, als etwa ein Kreiskrankenhaus in einer Kleinstadt, war von vornherein klar, dass dieses System nur bedingt für die universitäre Medizin tauglich ist. Deswegen haben auch alle unsere Nachbarn im Ausland besondere Vergütungsregelungen für universitäre Medizin eingeführt. In Deutschland argumentiert unser Bundesminister Gröhe, der im Übrigen der universitären Medizin durchaus positiv gegenübersteht, dass nicht der Ort, sondern ausschließlich die Art der Leistung wesentlich ist und vergütet werden sollte. Dieses halte ich ausdrücklich für falsch. Es sind doch die universitären Kliniken wie Leipzig ein Musterbeispiel dafür, dass die Art der Leistung, die erbracht werden kann, sehr stark mit dem Ort zusammenhängt, an dem nämlich, auch wenn sie sich nicht rechnen, viele Disziplinen aufrecht erhalten werden, um der Forschung oder der Ausbildung genüge zu tun.
Das Fallpauschalsystem hat zu einer Zunahme der Bedeutung der Wirtschaftlichkeit in der Universitätsmedizin geführt, die mittlerweile droht, alle unsere anderen Aufgaben zu überschatten. Was wollen Sie denn machen, wenn auf einer ohnehin knapp besetzten Station ein Assistent oder eine Assistentin erkranken? Selbstverständlich wird derjenige oder diejenige die gerade in einer aktuellen Forschungsaufgabe stecken, für die Krankenversorgung herangezogen. Das ist legitim, unumgänglich, zeigt aber, dass wir mittlerweile massivst Ressourcen von Forschung und Lehre im Bereich der Krankenversorgung einsetzen müssen. Dennoch gelingt es den meisten Universitätsklinikern nicht mehr ausgeglichene Jahresabschlüsse vorzulegen. Wir haben deswegen vor geraumer Zeit angefangen, dafür zu werben, Universitätsmedizin systemisch anders zu vergüten, als andere Krankenhäuser und einen sogenannten Systemzuschlag gefordert. Dieser ist nicht realisiert worden, weil er politisch nicht durchsetzbar war und an seiner Stelle kommen jetzt eine Reihe von Einzelverbesserungen etwa im Bereich der Hochschulambulanzen, im Bereich der Extremkostenfälle und im Bereich der Zentrenbildung. Offen ist allerdings, ob die derzeit wirklich deletäre finanzielle Situation universitärer Medizin durch die Verbesserung der Einzeltatbestände am Ende des Tages wirklich behoben wird.

Parallel dazu kam ein anderer Punkt. Im Jahr 2006 wurde der Föderalismus reformiert und man hat mit einem Federstrich ein bis dahin leidlich funktionierendes System der Baufinanzierung von Universitäten in Deutschland, die sogenannte Hochschulbauförderung abgeschafft. In Zukunft sind die Länder allein für den Hochschulbau verantwortlich und es war im Prinzip von vornherein klar, dass dies im Bereich der universitären Medizin mit den massiven Kosten für Klinikumsneubau nur sehr schwer realisiert werden kann. Hier in Leipzig hat es diesbezüglich eine bemerkenswerte Entwicklung gegeben, für die sie bis heute wirklich dankbar sein können. Ich weiß, dass die Art der Entscheidung zum Neubau Ihres Klinikums und auch einige der handelnden Personen außerordentlich umstritten waren, aber aus meiner Sicht ist der komplette Neubau der universitären Medizin hier in Leipzig ein ganz enormer Vorteil im nationalen Wettbewerb, auf den Sie miteinander stolz sein können.
Generell gesehen, hat allerdings die Änderung des Föderalismus und die damit verbundene Änderung für die Verantwortung der Baumaßnahmen dazu geführt, dass neben der eben schon erwähnten DRG-Finanzierung der täglichen klinischen Aktivitäten auch noch die Investitionsmaßnahmen außerordentlich schwierig geworden sind, so dass die Universitätsmedizin auch von dieser Seite unter einem großen Druck gekommen ist. Die Schuldenbremse tut ihr Übriges.
Auch in der Forschung hat es in den letzten Jahren massive Änderungen gegeben. Neben organisatorischen Dingen, wie etwa der Exzellenzinitiative, an der viele deutsche Universitätsmedizinen beteiligt sind, nenne ich hier besonders die Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, die DZG´s, die mit massiver Unterstützung des Bundes Translationen in den wichtigen Volkskrankheiten bewerkstelligen sollen.
Ich halte die Etablierung dieser Zentren durchaus für einen wesentlichen Fortschritt. Es bleibt aber wichtig, zu organisieren, dass sich hier um Medizinische Fakultäten und außeruniversitäre Einrichtungen in gleichberechtigten Kooperationen zusammenfinden.
Auch in unserem Dritten Feld, unserer Ausbildung gibt es massive Diskussionen. Sogenannte Medical Schools, bei denen sich ausländische Universitäten mit lokalen Krankenhäusern zu Universitätsmedizinen zusammenschließen, schießen wie Pilze aus dem Boden, ohne dass eine ausreichende Qualitätskontrolle von den Ländern stattfindet. Die Vorstellung, dass man einen lokalen Ärztemangel durch lokale Ausbildung beheben kann, halte ich für vollkommen abwegig, ist aber eine wesentliche, treibende Kraft hinter diesen Aktivitäten. Ich bin sehr gespannt, was in den nächsten Jahren noch passieren wird. Es gibt derzeit eine Arbeitsgruppe zwischen dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesgesundheitsministerium mit dem Titel Medizin 2020, in der das zukünftige Studium besprochen werden soll. Insbesondere werden hier die Medizinischen Fakultäten wegen ihrer Auswahl der Studierenden intensiv kritisiert. Dabei wird meines Erachtens übersehen, dass viele Fakultäten mittlerweile individuelle Auswahlgespräche führen, wobei wir allerdings durch die gesetzliche Vorgabe, dass die Abiturnote jeweils den Ausschlag geben muss, ganz entscheidend eingeschränkt werden, ohne etwas daran tun zu können.
Die Gegenwart in den medizinischen Fakultäten kann man aus meiner Sicht mit Fug und Recht als herausfordernd bezeichnen und es stellt sich die Frage, was die Zukunft bringen wird. Es gibt Teile dieser Zukunft, die man sehr exakt vorhersagen kann und die uns in der Medizin wesentlich betreffen werden. Dazu gehört insbesondere die Veränderung in der Struktur unserer Bevölkerung. Gemeinhin mit der verharmlosenden Bezeichnung demografischer Wandel versehen. Die Dramatik wird deutlich, wenn Sie sich vor Augen führen, dass mein Geburtsjahrgang, der Jahrgang 1960, aus 700.000 Männern und 667.000 Frauen besteht. 15 Jahre danach, im Jahr 1975, gab es nur noch 459.000 Männer und 440.000 Frauen. D.h. eine Reduktion der Geburtsjahrgänge um ziemlich genau ein Drittel, um 33 %.
Da unser gesamtes Sozialsystem, auch das Gesundheitssystem darauf basiert, dass ein Generationenvertrag eingehalten wird, bringt die Reduktion einer Generation um ein Drittel, fundamentale Probleme mit sich. Parallel dazu werden wir immer älter mit den entsprechenden Konsequenzen. Für das Jahr 2050 werden bei einer Bevölkerung von dann 70 Mio. Deutschen 3 Mio. Demenzkranke erwartet
Gleichzeitig erwarten und erhoffen wir einen rasanten medizinischen Fortschritt, mit völlig neuen Optionen, die auch bei älteren Menschen angewendet werden können. Mit diesem Dreiklang aus weniger Leistungserbringern, wesentlich mehr Leistungsnehmern und exponentiell steigenden Leistungsmöglichkeiten, ergibt sich eine außerordentlich komplexe Lage für die Zukunft. Wir werden nur dann in der Lage sein, diese Zukunft erfolgreich zu meistern, wenn wir uns jetzt konzeptionell damit auseinander setzen und darüber nachdenken, was in der Medizin notwendig ist, um hier eine Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten am medizinischen Fortschritt zu gewährleisten und diese gleichzeitig bezahlbar zu halten.
Zentral ist hier die Nutzung der Informationstechnologie. Ich war gerade in Kalifornien und habe aktuell Möglichkeiten des Begleitens von Krankheiten durch IT-gesehen. Beispiel kardiovaskulärer Erkrankungen und Monitoring mittels Smart Phones. Hier sind wir in Deutschland bisher völlig unterentwickelt.
Zur Entwicklung gehören auch neue Richtungen, wie personalisierte Medizin oder Systemmedizin, die es uns erlauben werden, wesentlich spezifischer als bisher, Krankheiten zu verstehen und sie dann auch gezielt zu behandeln.
Worauf ich allerdings bei einem solchen Jubiläum wie heute gern abheben würde, ist die aus meiner Sicht unumstößliche Entwicklung, dass die Medizin in den nächsten Jahren geprägt sein wird, durch eine Reihe von Problemen und Fragestellungen, die man nicht innerhalb der Medizin lösen können wird. Dazu gehören Fragen ethischer und rechtlicher Natur, wie zum Bespiel Fragen der Verteilungsgerechtigkeit oder der Teilhabemöglichkeit. Wie will man denn argumentieren, wenn man im Rahmen personalisierter Medizin ein teures Medikament, das bei einem Menschen mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % keine Wirkung erzeugen wird, diesem Patienten bei vorliegen einer lebensbedrohlichen Erkrankung, vorenthalten wird? Würde nicht jeder von uns auch bei einer 5 %-igen Wahrscheinlichkeit einer Wirksamkeit, darauf bestehen wollen, ein solches Medikament zu bekommen? Wer entscheidet über Wahrscheinlichkeitsgrenzen, an denen die Solidargemeinschaft solche Medikamente finanziert?
Auch die Frage der Teilhabe am Fortschritt muss meines Erachtens neu gedacht werden. Bis vor wenigen Jahren waren die Ärzte die alleinigen Inhaber der größten Teile des medizinischen Wissens, so dass letztendlich unabhängig von Bildungsstand und Einkommen Patienten gegenüber ihren Arzt in der gleichen Situation waren. Dies hat sich fundamental geändert, weil praktisch jede medizinische Information heute im Internet offen zugänglich ist. Die neue Trennungslinie läuft also entlang der intellektuellen Möglichkeit, solche Informationen selbstständig verarbeiten zu können. Wollen wir das akzeptieren, dass in Zukunft die Teilhabe am medizinischen Fortschritt wesentlich bestimmt wird, durch die individuellen intellektuellen Ressourcen eines Patienten? Auch hier gibt es eine Reihe von Fragen, die nicht innerhalb der Medizin, sondern im engen Zusammenspiel mit anderen akademischen Disziplinen wie etwa der Rechtswissenschaft oder Ethik gelöst werden müssen. Ich sehe hier eine Möglichkeit, dass nach Jahren zentrifugaler Spezialisierung die Universität als Gesamtinstitution einer Universitas zu neuem Leben erwacht.
Überhaupt sollten sich die Universitäten und ihre Universitätsmedizinen weniger misstrauisch und insgesamt positiv gegenüber stehen. Wird von Seiten der Universität häufig die zu große Selbstständigkeit medizinischer Fakultäten durch die enge Verbindung mit dem Klinikum misstrauisch beäugt, sollte darauf vielleicht der Aspekt im Vordergrund stehen, dass die enge Verbindung der Medizinischen Fakultät mit dem Universitätsklinikum der Ort in Deutschland ist, wo am ehesten Forschung und Lehre über die Krankenversorgung direkt bevölkerungsrelevant angewendet werden und wo über dies die Universität untrennbar mit sehr großen Wirtschaftsbetrieben verknüpft ist. Meines Erachtens sollten die Universitäten mehr die Möglichkeiten universitärer Medizin, als ihre Risiken in den Vordergrund stellen. Beruhigen kann uns bei dem ganzen, dass die Lösung der zukünftigen Probleme in der Bewältigung des demografischen Wandels zumindest im Gesundheitssystem, nicht ohne die Universitätsmedizin erfolgen kann. Wenn wir dabei erfolgreich sein wollen, müssen wir uns bei allem Wettbewerbsdruck meines Erachtens wieder mehr auf akademische Traditionen besinnen und dazu mag ein solcher 600. Geburtstag auch Anlass geben.

Zu diesen akademischen Traditionen gehört nach meinem dafürhalten, ein respektvoller und vorsichtiger Umgang unter den Kollegen und vielleicht auch eine Neujustierung unserer Auswahlverfahren. Der Auswahlprozess um an die Spitze einer universitätsmedizinischen Einrichtung zu kommen, ist mittlerweile fachlich so strikt, dass es häufig zwischen den Kandidaten rein fachlich gesehen, gar nicht so große Unterschiede gibt. Solche Unterschiede machen sich eher im Bereich der sogenannten sozialen Intelligenz bemerkbar, die so extrem schwer in kurzen Berufungsverfahren abprüfbar ist. Trotzdem sollten wir uns meines Erachtens nach bemühen, in der Auswahl diesen Bereich eine größere Bedeutung zu zumessen.

Meine Damen und Herren, es ist glücklicherweise kaum vorstellbar, was möglicherweise an dieser Stelle gesagt werden wird, wenn die Leipziger Universitätsmedizin die nächsten 600 Jahre erfolgreich tätig gewesen sein wird. Wie sich Medizin im Jahr 2615 gestalten wird und welche Fragen dann im Vordergrund stehen, ist jenseits des vorstellbaren. So ist jede Generation dafür verantwortlich, dass die ihr nachfolgende, die Institution in einem Zustand übergeben bekommt, die eine weitere, erfolgreiche Entwicklung ermöglichen. In diesem Sinne hat sich die universitäre Medizin in Leipzig erfolgreich über die letzten 600 Jahre entwickelt und wir können heute davon ausgehen, dass alle Voraussetzungen für eine langfristige und erfolgreiche Zukunft gegeben sind.

Lassen Sie mich schließen mit meinem Lieblingszitat von Willy Brandt, das auf den heutigen Tag, auf die 600-jährige Vergangenheit und eine langfristig positive Entwicklung dieses Universitätsstandorts meines Erachtens sehr gut passt:
„Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!